Amateurfußball Union Berlin

Ich nannte ihn “Acker”: Unsere wilden Jahre in der Unionliga – Teil 2

Er war kein zweiter Messi und er spielte auch keinen Beckenbauer-Außenrist-Ball. Nein, er war anders, ich nannte ihn „Acker“. Er bügelte humorlos alles weg, was ihm ihn die Quere kam. „Acker“ war die Lebensversicherung eines mit Künstlern und Ballvirtuosen überversorgten Teams. Ein augenzwinkernder Rückblick auf meine gemeinsame fußballerische Zeit mit dem “Schlächter aus Reinickendorf”.

© Fotos: GOOLAZO BERLIN
Text: Björn Leffler

 

Er war ein Fußballer, wie man ihn in einem Team einfach braucht. Er war kein zweiter Messi, er spielte keinen Beckenbauer-Außenrist-Ball, und auch den doppelten Doppelpass per Hacke beherrschte er nicht fehlerfrei.

Nein. Er war anders. Ich nannte ihn „Acker“, denn das war treffender als jeder andere Spitzname. Wir spielten gemeinsam in unserer Freizeitmannschaft Berlin United, für schnell vorübergehende acht Jahre. Ich stand im Zentrum der Abwehr, und er links von mir. Und da standen wir, da konnte kommen was wollte – dribbelstarke Gegner, stürmische Naturgewalten, der Kater vom Abend zuvor. Egal. Wir standen unseren Mann und knüppelten alles weg, was sich über die Mittellinie traute.

Aus seinem zur Faust geballten Gesicht sprach es förmlich: „Du kommst hier nicht rein.“

Es gab das berühmte blinde Verständnis zwischen uns. Ich konnte mir immer sicher sein, wenn ich einmal herausrücken musste aus dem Abwehrzentrum (und das war bei sechs Feldspielern auf dem Kleinfeld häufiger notwendig, als man vermuten würde), bewachte er hinter mir den mannschaftseigenen Defensivbereich so zuverlässig wie ein abgerichteter Kettenhund. Aus seinem zur Faust geballten Gesicht sprach es förmlich: „Du kommst hier nicht rein.

Schon wenn wir uns vor dem Anstoß auf dem Feld postierten, musterten die gegnerischen Feldspieler den 1,90-Meter-Hühnen ehrfürchtig. Aber erst als sie beim ersten Versuch, auf der linken Seite durchzustoßen, Bekanntschaft mit seinen sensenhaften Tacklings machten, dämmerte ihnen, was da auf sie zukommen würde.

Egal ob auf Schotter, Kunstrasen oder Naturrasen – „Acker“ bügelte alles weg, was ihm ihn die Quere kam

Denn „Acker“ hieß nicht umsonst „Acker“. Egal ob es rauer Schotter, jahrzehntealter Kunstrasen oder abgelaufener Naturrasen war – „Acker“ bügelte alles weg, was ihm ihn die Quere kam. Oder gar an ihm vorbei wollte, aber das war natürlich eine durchaus optimistische Herangehensweise seiner Gegenspieler. Denen stellte „Acker“ häufig einfach seinen kompletten Körper entgegen, was in den meisten Fällen auch schon reichte, um sich für die restliche Spielzeit den Flügelstürmer vom Leib zu halten – Stichwort „Sicherheitsabstand“.

„Acker“ war der Bruce Willis unseres Teams, der „Last Man Standing“, der bereits mit der geladenen Doppelläufigen im Anschlag stand, bevor sich die Teams überhaupt zum Warmmachen aufs Feld bewegt hatten. Schon im Kabinengang konnte es vorkommen, dass die gegnerische Mannschaft um den ein oder anderen Spieler dezimiert wurde. Ich sage nur: Bisswunden, melonengroße Hämatome, Splitterbrüche.

„Acker“ war die Lebensversicherung eines mit Künstlern und Ballvirtuosen überversorgten Teams

„Acker“ war die Lebensversicherung eines mit Künstlern und Ballvirtuosen überversorgten Teams, der humor- und klaglos in jeden Zweikampf ging, selbst wenn es nur der mannschaftsinterne Streit um das einzige Kabinen-WC war. Da musste man sehr. vorsichtig sein.

„Acker“ warf sich natürlich nicht nur in Gegenspieler, sondern auch in alles andere, was da angeflogen kam, vornehmlich Flanken, Pässe und Schüsse. Dass er offenbar nicht die Fähigkeit besaß, Schmerzen zu empfinden, war dabei natürlich hilfreich. Als er einmal nach einem Kopfballzweikampf im Strafraum gegen den Torpfosten knallte, bildete sich im Aluminiumgestänge eine tiefe Beule. Der Pfosten litt sichtbar unter dem Zusammenprall. Er aber juckte sich nur kurz an der Stirn und sprang dann beherzt in den nächsten Bodycheck.

Es war eine Lust, eine wahre Freude, ihm beim Fußballspielen zusehen zu dürfen

Es war eine Lust, eine wahre Freude, ihm beim Fußballspielen zusehen zu dürfen. Andere schauen sich Boxkämpfe, Ultimate Fighting oder Schlammcatchen an – mir reichten die gemeinsamen, sonntäglichen 90 Minuten, in denen wir paarweise durch die Reihen der gegnerischen Angreifer pflügten, als wären sie reife Ären.

Es wurde quasi zur Selbstverständlichkeit, dem Gegenspieler zur Begrüßung gleich beim ersten Eckball mit dem Knie voran in den Rücken zu springen, einfach um sich erstmal vorzustellen.

Es war eine wundervolle, raue und blutige Zeit – und musste dennoch irgendwann zu Ende gehen

Es war eine wundervolle, raue und blutige Zeit. Aber auch die schönste Lebensphase muss irgendwann einmal ein Ende haben, und so kam es, wie es kommen musste. Irgendwann wurde „Acker“ nicht nur Unternehmer, sondern fast zeitgleich auch Vater. Und innerhalb weniger Monate wurde aus dem Bud Spencer des Kunstrasens ein verantwortungsvoller und liebevoller Familienvater, der nunmehr keine Zeit mehr für die infantilen Streitereien zweier Fußballmannschaften hatte.

Hin und wieder schaute er noch vorbei, wenn wir an einem Sonntagmorgen in der Unionliga die Säbel mit den immergleichen Mannschaften kreuzten. Erstaunlich ruhig betrachtete er das meist chaotische Treiben von außen, ohne erkennbare emotionale Regungen. Doch immer, wenn ich im Spiel einen Gegenspieler durch ein solides Tackling unsanft über die Außenlinie befördert hatte, hob er anerkennend seine linke Augenbraue. Ein größeres Kompliment konnte es für mich kaum geben.

Den ersten Teil der Reihe könnt Ihr hier lesen.

 

Es gab das berühmte blinde Verständnis zwischen uns. Schon wenn wir uns vor dem Anstoß auf dem Feld postierten, musterten die gegnerischen Feldspieler den 1,90-Meter-Hühnen ehrfürchtig. / © Foto: GOOLAZO BERLIN

 

Es war eine wundervolle, raue und blutige Zeit. Aber auch die schönste Lebensphase muss irgendwann einmal ein Ende haben, und so kam es, wie es kommen musste. Irgendwann wurde „Acker“ nicht nur Unternehmer, sondern fast zeitgleich auch Vater. / © Foto: GOOLAZO BERLIN